Tirol  1857 - Ursachen und Hintergründe der Auswanderung  

Die damals in Tirol gebräuchliche erbrechtliche Realteilung führte zur Güterzerstückelung, weil jedes Kind einen Erbteil vom elterlichen Hof erhielt. Die Folge war die Zersplitterung von Hofeinheiten in wenigen Generationen. Konnte der eigene Boden eine Familie nicht ernähren, so war auch eine Heirat gesetzlich nicht erlaubt.

Das Anerbenrecht hatte wiederum zum Nachteil, dass der gesamte landwirtschaftliche Besitz an den ältesten oder jüngsten männlichen Erben überging. Die restlichen Geschwister blieben entweder als Knechte bzw. Mägde auf dem Hof, oder zogen in die Fremde.

Zudem ließen karge Böden in manchen Berg- und auch Tallagen oft nur eine bescheidene Bewirtschaftung zu. Katastrophen wie Muren, Hochwasser, Feuersbrünste, Pflanzenkrankheiten etc. bedrohten zusätzlich die Existenz.

Für einige verarmte Kleinbauern war die Auswanderung ein Ausweg aus ihrer trostlosen Situation.

 

Anwerbung und Auswanderung

 Der deutsche Forscher und Weltreisende Damian Freiherr von Schütz-Holzhausen    warb mit Hilfe der damals sehr angesehenen „Volks- und Schützenzeitung“ zu einer Emigration nach Südamerika, Peru. Er hatte von der peruanischen Regierung den Auftrag, im Verlauf von 6 Jahren 10.000 arbeitstüchtige (útiles), kräftige (robustos), katholische Deutsche und Tiroler mit guten Sitten (buenas costumbres) nach Peru zu bringen, das ihnen zur „neuen Heimat“ werden sollte.

 

Etwa 180 Tiroler folgten als erste diesem Ruf und verließen ihre Heimat, begleitet vom erst 37-jährigen frommen und tapferen Priester Josef Egg, geboren in St.Nikolaus/Innsbruck und Kaplan in Wald/Pitztal. Ungefähr die Hälfte kam aus dem Oberinntal, aus Silz, Haiming und Zams, der Rest aus verschiedenen anderen Landesteilen bzw. Orten. Die Oberinntaler verabschiedeten sich nach einem gemeinsamen Gottesdienst am 16. März 1857 auf dem Silzer Dorfplatz.

 

In Antwerpen hatte sich die Zahl der Auswanderer mit den Deutschen aus dem Moseltal und dem Wiedtal auf 300 Personen erhöht. Am 30. März 1857 wurden an Bord des Frachtseglers „Norton“ die Anker gelichtet.

Ankunft in Peru und Fußmarsch über die Anden

Nach 4-monatiger Schiffsreise erlitten die Auswanderer eine bittere Enttäuschung. Sie mussten im Hafen Huacho nördlich von Lima an Land gehen und erfuhren nun, dass der von Peru vertraglich zugesicherte Saumpfad von Cerro de Pasco im Andenhochland bis in die neue Kolonie Pozuzo noch nicht gebaut war. Viele ledige Handwerker entfernten sich deshalb und versuchten, irgendwo in Peru Arbeit zu finden.

 

Die Familien mussten jedoch zusammen bleiben, nahmen den schwierigen Marsch über die Anden in Angriff und beschlossen, den Saumpfad nach Pozuzo selbst zu bauen. Es war ein Unternehmen mit unvorstellbaren Strapazen. (Marschroute nach Pozuzo bei Interesse bitte anklicken)

Nur der unermüdliche Einsatz des Geistlichen Josef Egg verhinderte ein gänzliches Auseinanderfallen der Gruppe. Er arbeitete beim Wegbau immer an der Spitze mit, hungerte mit ihnen und wusste stets die richtigen Worte für seine Bauern zu finden.

 

Ankunft und Leben in Pozuzo

Nach der ersten in Acobamba verbrachten Regenzeit verlegten sie ihr Lager nach Santa Cruz (Pampa Hermosa) und von dort drangen im Mai 1858 die Männer in das zugewiesene Siedlungsgebiet am Huancamba-Fluß vor, um das Land zu verteilen und mit den ersten Rodungen und dem Bau einfacher Hütten zu beginnen.

Im Frühsommer 1859, nach zwei Jahren härtester Prüfungen, übersiedelte die von Abwanderungen und Todesfällen auf 165 Personen dezimierte Gruppe an den Rio Huancabamba und gründeten dort endgültig die „Kolonie Pozuzo“. Sie waren nun wohl am Ziel, doch sie standen mitten im Urwald, weitab von den Siedlungen im andinen Hochland, und die wenigen Indios, die in der Gegend wohnten, konnten selbst nur wenig entbehren.

Im Jahre 1868 folgte eine zweite Einwanderergruppe nach, rund 300 Tiroler und 30 Bayern, um sich am Rio Mairo, ca. 30 km östlich von Pozuzo, anzusiedeln. Da aber der von Peru versprochene Weg von Pozuzo nach Mairo ebenfalls nicht gebaut war, blieben viele dieser neuen Siedler in Pozuzo oder dessen näheren Umgebung.

In den ersten 15 Jahren bekam das Tal des Pozuzo ein anderes Gesicht. Der Urwald wurde weitflächig gerodet, der fruchtbare Boden gab den Bauern genug zu essen. Die Kolonisten bauten 1875 eine kleine Kirche mit einem Widum für ihren Pfarrer Josef Egg und gelobten, dass der 25. Juli immer als Kolonistentag gefeiert wird.

 

Die Kolonisten waren aufgrund der geographischen Lage von der Welt abgeschnitten und die Siedlung geriet in ihrer Tiroler Heimat allmählich fast in Vergessenheit. Nur noch wenige Menschen wussten von den Tirolern in Peru. Die versprochene Straße wurde von der peruanischen Regierung erst im Jahre 1976 (!) fertiggestellt. Während der Regenzeit ist dieser Weg auch heute noch oft tagelang unpassierbar.

 

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